Allgemein, Geschichte

Katherine Johnson

Katherine Johnson 1966 an ihrem Schreibtisch beim Langley Research Center. Credit: NASA

Katherine Johnson 1966 an ihrem Schreibtisch beim Langley Research Center. Credit: NASA

Als Alan Shepard im Mai 1961 als erster Amerikaner einen Weltraumflug absolvierte, waren sich nur wenige dessen bewusst, dass sein Erfolg und sein Ruhm unter anderem auch dem Talent und der Arbeit einer Frau zu verdanken waren, die damals schon alleine wegen ihrer Hautfarbe nicht ins Licht der Öffentlichkeit gelangte: Katherine Johnson, geb. Coleman.

Johnson wurde am 26. August 1918 in White Sulphur Springs, West Virginia, geboren. Sie absolvierte die Schule mit Bestnoten und bewies schon früh ihr großes mathematisches Talent. Da es an ihrem Wohnort für People of Colour nicht möglich war die High School zu besuchen, zog die Familie 1928 ins knapp 200 Kilometer entfernte Institute. Nach dem Besuch der dortigen High School schrieb sich Johnson im West Virginia State College ein (heute bekannt als West Virginia State University) und erhielt mit 18 Jahren ihren Abschluss in Mathematik und Französisch mit Auszeichnung. Bis in die 50er Jahre lehrte sie ihrerseits diese Fächer an Schulen in Virginia und West Virginia.

Im Alter von 34 Jahren nahm sie 1953 einen weit besser bezahlten Posten als Mathematikerin am National Advisory Committee for Aeronautics (NACA), dem Vorläufer der NASA, an. Ihre Arbeit an dessen Langley Laboratory wurde als die eines „menschlichen Computers“ beschrieben: Mit Hilfe von Stift, Papier und mechanischen Rechenhilfen kalkulierte und analysierte sie zunächst die Bahnen und Parameter von Flugzeug-Testflügen und -Abstürzen. Wenig später verlagerte sich der Schwerpunkt hin zur Raumfahrt und deren Missionen.

Das NACA beschäftigte einen ganzen Pool von Frauen für diese Hilfsarbeiten, damit die männlichen Angestellten sich hauptsächlich der eigentlichen Wissenschaft dahinter widmen konnten. Johnson (inzwischen Mutter von drei Kindern und verwitwet) unterschied sich allerdings von den meisten ihrer Kolleginnen durch ihren Wissensdurst und Hartnäckigkeit. Sie berechnete nicht nur, sondern sie hinterfragte und beriet auch — und bahnte sich so ihren Weg in die Besprechungen ihrer Vorgesetzten:

“Die [anderen] Frauen taten, was ihnen gesagt wurde. Sie stellten keine Fragen und machten nicht mehr als das Geforderte. Ich hingegen stellte Fragen; ich wollte das Warum wissen. Man gewöhnte sich an mich und an die Tatsache, dass ich als einzige Frau auch dabei war.”
(Katherine Johnson)

Bereits 1960 hatte Johnson mit dem Ingenieur Ted Skopinski zudem einen Bericht zur Berechnung von suborbitalen Flugbahnen verfasst, welchem noch 25 weitere wissenschaftliche Veröffentlichungen folgten.

Wie Johnsons schulischer Werdegang bereits andeutet, war dies in den USA der 1950/60er Jahre, insbesondere in den Südstaaten, absolut bemerkenswert. People of Colour — und erst recht den Frauen unter ihnen — waren damals nicht nur viele Bildungswege, sondern auch die meisten beruflichen Karrieren verbaut. Als Katherine Johnson ihren Job  bei der NACA antrat, herrschte noch strenge sogenannte „Rassentrennung“.

“Eine einschneidende Szene des Films handelt von der Zeit, in der Johnson mit ihren weißen Kollegen außerhalb der üblichen West Area Computing Section arbeitete und erklären musste, wohin sie immer wieder verschwand – nämlich zu den einzigen Toiletten, die sie benutzen durfte, eine halbe Meile weit weg.“
(Quelle: Space.com)

Johnson jedoch gelang es, sich nach und nach Gehör, Respekt und ein gewisses Maß an Gleichberechtigung zu verschaffen. Ihr wurden nicht nur die Berechnungen für Shepards Mission anvertraut, sondern auch die Überprüfung der inzwischen computergestützten Kalkulationen für John Glenns ersten Orbitalflug 1962 sowie die Koordination zwischen Lander und Orbiter der Apollo-Missionen in den 1960er und 70er Jahren. Desgleichen war Johnson beteiligt an der Rettungsmission für Apollo 13 und an den Vorbereitungen für die Space-Shuttle-Flüge sowie diverser Marsmissionen.

„Als sie anfangs sagten, dass die Kapsel an einem ganz bestimmten Ort landen sollte, versuchten sie zu berechnen, wo sie starten musste. Ich sagte: ‚Lassen Sie mich das machen. Sagen Sie mir einfach, wo Sie sie haben wollen und wann sie landen soll, und ich werde rückwärts rechnen und Ihnen sagen, wann sie starten muss.'“
(Katherine Johnson)

Es ist unter anderem auch Johnsons Fähigkeiten und ihrer professionellen Hartnäckigkeit zu verdanken, dass die Manager auf die Leistungen der „menschlichen Computer“ aufmerksam wurden, ihnen mehr Beachtung schenkten und sowohl ihre Arbeitsbedingungen als auch ihre soziale Stellung nach und nach verbesserten.

… [I]hre Fähigkeiten verschafften ihnen ein Maß an Akzeptanz bei der NASA, welches dem damals in den USA üblichen Maß weit voraus war. “Die NASA war eine sehr professionelle Organisation,“ wurde Johnson 2010 zitiert. “Sie hatten gar nicht die Zeit sich damit zu befassen, welche Hautfarbe ich hatte.“
(Katherine Johnson)
(…)
„Frau Johnson hat unserer Nation geholfen, die Grenzen des Weltraums zu erweitern, während die großen Schritte, die sie gemacht hat, gleichzeitig auch Frauen und People of Colour Türen öffneten.“ sagte  [NASA-Administrator] Bridenstine in einer Rede.

(Quelle: SpaceDaily)

Katherine Johnson arbeitete bis zu ihrem Renteneintritt 1986 für die NASA. Bis allerdings der Beitrag, den Johnson und diverse ihrer Kolleginnen zur Luft- und Raumfahrt leisteten, auch in der Öffentlichkeit bekannt und gewürdigt wurde, sollten zunächst noch Jahrzehnte vergehen. Johnsons zahlreiche Vorträge an Schulen und Universitäten trugen entscheidend dazu bei, ihre Leistung endlich ans Tageslicht zu bringen und sie aus dem Schatten ihrer männlichen Kollegen heraus treten zu lassen. Hinzu kommt ein in der Gesellschaft generell (wenn auch langsam) wachsendes Bewusstsein dafür, dass die wissenschaftlichen Beiträge und Leistungen vieler Frauen, inklusive diverser Women of Colour, über Jahrhunderte hinweg oft übersehen bzw. ihren männlichen Kollegen zugeschrieben wurden.

US-Präsident Barack Obama verlieh Johnson in Würdigung ihrer Leistung 2015 die „Presidential Freedom Medal“, neben der Goldenen Ehrenmedaille des Kongresses die höchste zivile Auszeichnung in den USA. Ein Jahr später erschien Margot Shetterlys Biografie “Hidden Figures“, in der die Geschichte von Johnson und ihren Kolleginnen Dorothy Vaughan sowie Mary Jackson erzählt wird. Die Verfilmung dieses Buches kam Ende 2016 in die Kinos und wurde 2017 mehrfach für den Oscar nominiert. Zwei Jahre später erschien Johnson’s eigenes Buch “Reaching for the Moon“, ihre Lebensgeschichte für junge Leser ab 10 Jahren.

Katherine Johnson starb vor drei Tagen, am 24. Februar 2020, im Alter von 101 Jahren in Newport News, Virginia.

 

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